Rettet die Hühner

Rettet die Hühner

Von klein an, war sie gerne bei den Großeltern und den Tanten auf dem Lande zu Besuch. Sie hatte einen naturgegebenen wunderbaren Umgang mit Tieren. Hatte Freunde bei den Schweinen, Kühen und den Hühnern. Selbst ein Kaninchen lief ihr hinterher wie ein kleiner Hund.

Sie war zwar kein typisches Stadtkind und doch hatte sie lange nicht verstanden, wo die leckeren, gebratenen Hähnchen oder das Fleisch überhaupt herkamen.
Am schönsten war es für sie, wenn die ganze Familie zusammen war.
So auch an einem herrlichen, sonnigen Wochende. Gemütlich saß man beim Frühstück, plauderte, scherzte, ja es war einfach nur schön.
Bis die Großmutter einen folgenschweren Satz zu Opa sagte: „Denk daran, dass Du noch die bestellten Hühner schlachtest, bevor Du auf´s Feld fährst. Ach, und für uns kannst Du auch gleich zwei mitschlachten.“
Die Plauderei am Tisch ging munter weiter und niemand sah, dass die Kleine leichenblass geworden war. Der Appetit war ihr vergangen, hatte sie doch eben begriffen, dass einige ihrer Freunde das Leben lassen mussten. Verwirrt schlich sie aus der Küche.

Wenig später donnerte Opa´s Stimme durch´s Haus: „Wo sind die Hühner!?“
Die Familie lief im Flur zusammen und alle sahen ihn fragend an.
„Nun schaut nicht so, die sind alle weg.“
„Wo ist die Kleine?“, dämmerte es dem Vater.
Die Familie schwärmte also aus, um Hühner und „Kleine“ zu suchen.
Opa wurde fündig: An der verschlossenen Scheunentür hing ein handgeschriebener Zettel mit dem sagenhaftem Text: „Ammnesthii fur alle Hüner!“

Die Kleine hatte sämtliche Hühner in die Scheune gejagt und sich mit ihnen eingeschlossen. Sie war gewillt, Leben zu retten. Hier und jetzt!
Der Familienrat beschloß, in die Verhandlung zu gehen. Niemand wollte ein sechsjähriges kleines Mädchen mit Gewalt da rausholen und irgendwie fanden alle die Aktion zur Hühnerrettung gut.
Opa wurde zum Unterhändler gewählt. Da allen klar war, dass es lange und harte Verhandlungen geben würde, schnappte Opa sich einen Hocker und setzte sich vor die Scheunentür. Die Verhandlung begann.
Es war von Anfang an logisch, dass an diesem Tag keinem Huhn eine Feder gekrümmt wurde, aber Opa wollte ihr unbedingt verständlich machen, wie das Leben auf dem Lande so ist, und dass das Schlachten ganz einfach dazu gehört. Das war nicht wirklich der richtige Einstieg in die Verhandlung.
Die Kleine gab keinen Zoll nach, verlangte eine schriftliche Garantie, dass auf diesem Hof kein Tier mehr geschlachtet wird, sollte das Schriftstück nicht binnen einer Stunde unter der Tür durchgeschoben werden, wollte sie mit den Hühnern in einen Hungerstreik treten.
Opa war so perplex, dass ihm „aber du bist doch erst sechs Jahre alt“ herausrutschte.
„Na und!“ keifte es aus der Scheune zurück.
Jetzt veruchte es die Großmutter. Sie erklärte, warum Tiere geschlachtet werden und dass sie ja auch damit das Geld verdienen würden und überhaupt hat es ihr, der Kleinen, doch auch immer gut geschmeckt.
Auch das hatte keine Wirkung. „Ich bin ab jetzt Wegtarier“ schluchzte es aus der Scheune.
„Was für ein Ding?“ flüsterte Opa dem Sohn in´s Ohr, aber dieser sah ihn nur grinsend an. Er war ganz schön stolz auf seine Kleine und so schritt er zur Tat.
Endlich kamen die Verhandlungen in Gang und nach einer weiteren guten Stunde öffnete sich die Scheunentür ganz vorsichtig. Ein blonder Lockenschopf mit großen, verheulten Augen schaute misstrauisch um die Ecke.
Die ganze Familie stand feierlich zum Empfang bereit.
„Und es ist versprochen, dass keinem dieser Hühner etwas passiert?“, piepste sie.
„Versprochen!“ klang es mehrstimmig über den Hof.

So kam es, dass gut ein dutzend Hühner auf einem kleinen Bauernhof in den Ardennen friedlich an Altersschwäche gestorben sind.

Siehe beispielsweise Gnadenhof Erzbach: 

http://www.gnadenhof-erzbach.de/huehner.htm

Bildquelle: Pixabay.com

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