Ricky, ihr Trainer und die Maus.

Ricky, ihr Trainer und die Maus.

Meine Hündin Ricky hatte einen etwas ungewöhnlichen Start in ihr Hundeleben. Da sie für die Jagd untauglich war, wurde sie im zarten Alter von ungefähr drei Monaten brutal aus einem fahrenden Auto heraus am Waldesrand entsorgt. In diesem Wald schlug sie sich dann ein knappes Jahr durch, bis sie schließlich zu mir kam. Gesichtet wurde sie immer wieder, ließ sich aber nicht einfangen. Von Menschen erwartete sie offensichtlich nichts Positives mehr.

Da sie aber, wie schon erwähnt, jagduntauglich war, blieb ihr nur das Mäuse- und Schmetterling-Fangen zum Überleben. Das allerdings beherrschte sie perfekt  und es war schwer, ihr dies wieder abzugewöhnen. Bei den Schmetterlingen ging das relativ schnell …bei den Mäusen nie wirklich.

Auch spielte sie nie so, wie Menschen sich vorstellen, dass ein Hund spielen soll. Das glaubte mir ihr Hundetrainer nicht. Sie brauche nur ein bißchen Training von ihm, meinte der Experte. Und so zitierte er uns zu einer Einzelstunde auf den Übungsplatz, der gut mit einem Zaun herum gesichert war.

Er öffnete dort eine große Kiste, die bis zum Rande mit schönem, buntem Hundespielzeug voll war. „Jetzt zeige ich dir, dass dein Hund sehr wohl spielt“, sagte er voller Überzeugung zu mir.

Ich bedauere sehr, dass ich damals keine Kamera dabei hatte. Denn was nun kam, hätte uns Millionen Klicks im Internet eingebracht. Der Trainer lockte, befahl, säuselte, schmiss sich auf die Erde, rannte seinen Bällen selber hinterher und Ricky saß da und schaute seinem Treiben staunend zu. Man sah ihr an, dass sie sich köstlich amüsierte, doch sie rührte sich nicht vom Fleck. Aber, so schnell wollte der Trainer nicht aufgeben. Er machte einige Gehorsam-Übungen mit ihr, die sie akkurat befolgte. Schließlich legte er sie neben sich ab…so heißt das, wenn die Hunde ruhig liegen bleiben müssen…, um mir zu erklären, wie wir weiter verfahren sollen. Dazu kam er aber nicht. Neben Ricky wagte sich eine Maus aus ihrem Loch und blitzschnell hatte meine Hündin sie erlegt. Der Trainer schrie sofort: „Aus, aus, aus!“ Aber auch die dreimalige Wiederholung führte ihn nicht zum Ziel. Ricky, immer noch mit der Maus in der Schnauze, sah ihn nur irritiert an. Hilfesuchend blickte sie zu mir, aber ich hielt mich fein aus dieser Sache raus.

„Sie hat eine Maus erlegt, hast Du gesehen wie schnell sie ist? Das gibt es doch nicht!“ Ehrlich gesagt, ich hatte es nicht gesehen und war überzeugt, dass Ricky eine bereits tote Maus gefunden hatte. Das äußerte ich dann auch genau so.

„Nun ist aber gut!“, polterte der Trainer. „Ich stehe doch genau daneben, ich habe es doch gesehen!“ Zum Zeichen, dass ich ihm glaubte, hob ich beide Hände und sagte einfach mal nichts. Ich war ja gespannt, wie die Sache ausgehen würde.

Beherzt nahm der Trainer Ricky die Maus aus dem Maul, was sie sich ungern gefallen ließ. Und als er die Maus am Schwanz hochhielt, um sie mir zu zeigen, sprang Ricky hoch, klaute die Maus und raste davon. Der Trainer rannte schimpfend auf dem Platz hinterher. Den Grundgehorsam beherrschte Ricky schon und blieb schließlich auf Kommando stehen. Der Trainer nahm ihr wieder die Maus weg und warf sie im hohen Bogen über den Zaun in das benachbarte Feld.

Nun war erst was los! Ricky gab Töne von sich, die ich nicht wirklich beschreiben kann… irgendwas zwischen einer quietschenden Tür und einem kreischenden Teenie… aber die richtig imponierend waren. Dazu hopste sie wie ein Ball umher, mit allen vier Pfoten gleichzeitig in der Luft. Diese Töne, die sie von sich gab, und ihre Körpersprache waren absolut unmissverständlich:

ICH WILL MEINE MAUS ZURÜCK !!!

Ende vom Training! Ricky klebte am Zaun und ließ sich nicht wegrufen. Das ganze Hundespielzeug hatte sie eh nicht interessiert und überhaupt… mit diesem Mäusedieb wollte sie erst mal nichts mehr zu tun haben. Sie ignorierte ihn völlig.

Es dauerte eine knappe Woche bis sie ihm verziehen hatte und ihm wieder in die Augen sah.

Der Trainer hat nie wieder versucht „normal“ mit Ricky zu spielen. Er akzeptierte und respektierte sie so wie sie war und ist – eben ein spezieller Hund. Seit dem sind sie Freunde.

Bildquelle: Privatarchiv

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