Sonnenhut mit Margerite

Sonnenhut mit Margerite

Wie immer wurden die Sommerferien fieberhaft erwartet. Pamela, damals ein Teenager, freute sich auf drei ganze Wochen Italien, Sonne, Wind und Meer! Das war doch was!

Zusammen mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder machten sie sich auf die lang ersehnte Reise. Keine stundenlange Zugfahrt, kein Gedränge beim Umsteigen, nichts, aber auch gar nichts, konnte Pam´s Vorfreude auf das Meer trüben. Kaum angekommen, drängte Pam ihre ganze Familie an den Strand. Koffer auspacken, konnte man auch noch nach Sonnenuntergang, fand Pam. Wie Kinder tobte sie mit ihrem Bruder über den Strand, der bereits menschenleer war. Dem bunten Treiben setzte ein brüderlicher Schmerzschrei ein jähes Ende. Ein großer Zeh war einem scharfkantigen Muschelstück nicht entkommen und blutete nun vor sich hin. Zum Glück eine nicht wirklich schlimme Sache, aber für diesen Abend war das Strandleben beendet. Maulend und leise schimpfend, trottete Pam mit zum Hotel zurück. Ein gezischtes „Weichei“ konnte sie sich dann doch nicht verkneifen.

Beim Abendessen setzt Pam an, ihre Pläne für den nächsten Morgen bekannt zu geben, aber ihr Vater unterbrach sie.

„Als Erstes kaufen wir dir morgen einen Sonnenhut oder Kappe, egal was, du musst was auf den Kopf setzen, du verträgst die Sonne sonst nicht.“ Pam war entsetzt. Wie uncool war das denn? Sonnenhut? Ever never, so würde sie nicht unter die Leute gehen!

Ihr Protest war klar, laut und deutlich und bevor ihr Vater ein Machtwort sprechen konnte, sagte Pam´s Mutter weise: „Lass sie doch, sie ist ja wirklich kein Kind mehr und ausserdem, wer nicht hören will…“ „Einverstanden, aber wenn du die Sonne doch nicht verträgst, dann such ich die Kopfbedeckung aus.“ Darauf ließ Pam sich gerne ein.

Zwei Tage ging alles gut. Pam genoss es zu schwimmen, am Strand zu joggen und übte sich auch schon mal bei einem oder anderen kleinen Flirt. Alles war richtig schön. Am dritten Tag wurde Pam am Mittag übel. Sie wollte nicht essen, hatte rasende Kopfschmerzen und das Licht tat ihr in den Augen weh. Am Nachmittag musste der Arzt kommen und stellte schnell einen Sonnenstich fest. Drei Tage Bettruhe und danach bitte einen Sonnenhut! Noch heute ist Pam froh, dass ihr Vater sich jeglichen Kommentar verkniffen hat. Der Hotelier war rührend besorgt und ließ in regelmäßigen Abständen nachfragen, ob Pam denn irgendetwas essen oder trinken wolle.

„Ich hatte so gerne Püree“, sagte Pam, und sie bekam ihren Püree. Aber als sie ihn vor sich stehen hatte, liefen ihr die Tränen über die Wangen.

„Mama, ich hätte doch so gerne Püree gehabt“, schniefte sie.

„Aber das ist doch Püree!“ Die Mutter war ratlos, aber gewillt heraus zu finden, was das Problem war.

„Nein, kein Püree, Püree wollt ich.“ Ihre Mutter überlegte einen Moment.

„Meinst Du Pudding?“

„Ja, bitte Vanillepüree.“

So kann sich ein Sonnenstich äußern! Nach zwei richtig miesen Tagen waren endlich die Kopfschmerzen weg und am Abend konnte Pam wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Ihr Vater hatte einen Sonnenhut gekauft und Pam hatte versprochen ihn jeden Tag zu tragen. Das Versprechen gab sie, als es ihr eh noch nicht so gut ging und bevor sie den Hut gesehen hatte.

Pam durfte am vierten Tag endlich wieder am Leben teilhaben. Strahlend saß sie am Frühstückstisch und freute sich auf den Tag. Dann kam ihr Vater, man könnte sagen, in Begleitung eines Sonnenhutes. Ein riesengroßes Rad aus weißem Stroh und an der Seite, Pam konnte es nicht fassen, an der Seite steckte keck eine künstliche Margerite. Ihr Bruder kriegte sich vor Vergnügen kaum noch ein, ihre Mutter fand den Hut todschick und Pam…hatte einfach mal keine Wahl. Die Runde hatte sie echt an ihren Vater verloren. Sie wusste, wann es keinen Sinn mehr machte zu debattieren. Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal und setzte schon mal probehalber den Hut auf.

„Der ist echt praktisch, der wirft so viel Schatten, da bist du vor jedem Sonnenbrand geschützt“, sagte ihr Bruder trocken. Pam hielt einfach mal den Mund, was sehr selten war und ist.

Der Mensch gewöhnt sich bekanntlich an alles und das Thema Sonnenhut gab es nicht mehr. Pam verließ das Hotel nicht mehr ohne ihr „Sonnenrad“, die Margerite immer auf der linken Seite. Natürlich trug sie ihn auch, als sie mit einer Strandbekanntschaft und ihrem Bruder eine Tretbootfahrt auf dem Meer machten. Ein Windstoß erwischte den Hut und im nächsten Augenblich tanzte er lustig auf den Wellen. Nur die Margerite zitterte leicht. Pams Bruder fischte ihn wieder an Bord und ehe sie was sagen konnte, hat er das Ungetüm ordentlich ausgewrungen. Da half auch kein nachträgliches Schütteln und Klopfen mehr. Der Hut war ruiniert, die Margerite hing auf halb acht. Ende der Geschichte? Mitnichten, es geht fröhlich weiter!

Pam bekam einen neuen Hut, das musste sein und diesmal hat sie ihn selber ausgesucht. Warum ihr Bruder das „Sonnenrad“ nicht herausgerückt hatte, sah die Familie am nächsten Morgen. Sie hatten es sich schon am Strand bequem gemacht, als sie durch das Lachen und ein paar Applausklatscher auf eine ungewöhnliche Gestalt aufmerksam wurden. Da lief einer mit gelb-rot gestreiftem Bademantel und…“irgendetwas“ Ulkiges auf dem Kopf herum.

Der Scherzkecks war Pam´s Bruder und auf dem Kopf trug er das völlig verbeulte und zerknautschte „Sonnenrad“, die Margerite wippte fröhlich bei jedem Schritt, immer noch auf halb acht hängend. Diesen Auftritt legte er den Rest des Urlaubs jeden Tag hin und sorgte damit durchaus für gute Laune bei den Leuten. Nach ein paar Tagen kannten ihn echt alle und freuten sich jedes Mal aufs Neue, ihn zu sehen!

Warum und wieso er es tat, blieb bis heute sein Geheimnis…

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