Nostalgie mit Hühnerkeule.

Neulich verschlug die Arbeit meine Freundin Pamela in die sogenannten „Neuen Bundesländer“. Die gesamte Arbeitsgruppe war in einem alten Kloster untergebracht, das, nach Pams Angaben, seit DDR-Zeiten keinen Pinselstrich oder ähnliches mehr bekommen hatte. Offensichtlich war jegliche Sanierung spurlos an dem Kloster vorbei gegangen. Dies bedeutete unter anderem auch: nächtliche Wanderungen zu der Flurtoilette mit eventuellem Anstehen im Halbdunkel. All das konnte der Gruppe jedoch die gute Laune nicht verderben. Man fühlte sich in die frühe Jugend zurückversetzt. Verstärkt wurde dieser Eindruck zusätzlich dadurch, dass das gemeinsame Mittagessen in der Kantine des benachbarten Gymnasiums erfolgte.

Artig nahm sich jeder ein Tablett und stellte sich hinten an der Warteschlange an. (Es wurde berichtet, daß diese Situation früher in dieser Gegend „Sozialistische Wartegemeinschaft“ genannt wurde). Dies gab Pam Zeit, sich umzusehen. Alles sah so aus, wie es bestimmt schon vor fünfzig Jahren aussah. Na ja, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, kommt dem trotzdem sehr nah. Das Essen bestand aus sehr… sehr…rustikaler Hausmannskost. Mit Mehlsoßen und pampigem Gemüse wurde jede Fleischbeilage gnadenlos erschlagen. Schließlich blieb der Blick von Pamela fasziniert an der Frau hängen, die für die Essenausteilung zuständig war.

So stellt Hollywood sich ein russisches „Flintenweib“ vor: Groß und kräftig gebaut, dunkle Haare, streng nach hinten gekämmt, was die groben Gesichtszüge noch grober wirken ließ. Dazu ein unfreundlicher Blick und heruntergezogene Mundwinkel. Nach Pams Beschreibung hätte ich als Kind vor der Frau garantiert Angst gehabt.

Als Pam endlich an der Reihe war, sagte sie vorsichtig höflich:

„Kartoffeln und Gemüse, bitte.“ Sie wollte sich die Mehlsoße nicht antun und ihr Fleischkonsum geht eh gegen Null. Mit barscher Stimme fragte das Flintenweib:

„Hühnerkeule oder Boulette?“

Pam verstand nicht ganz und sagte wieder:

„Kartoffeln und Gemüse, bitte.“

„Hühnerkeule oder Boulette?“, donnerte es zurück. Hinter Pam waren die ersten, nicht mehr zu unterdrückenden Prustanfälle zu hören. Aber Pam hielt durch und sagte freundlich:

„Nein danke, ich will wirklich nur Kartoffeln und Gemüse.“

Das Flintenweib starrte einen Moment hilflos ins Nichts. Dann fragte sie:

„…und was soll ich nun mit der Hühnerkeule machen?“

„Nun, da freut sich doch bestimmt jemand darüber.“, versuchte Pam einen Ausweg für das entstandene Problem aufzuzeigen.

Wortlos bekam sie ihre gewünschten Kartoffeln und das Gemüse.

Am nächsten Tag standen unter anderem Maultaschen auf dem Speiseplan. Wie auch schon am Vortag, standen alle brav in der Reihe und warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren. Pam überlegte sich, dass sie eigentlich gerne mal eine Maultasche kosten würde und äußerte ihren Wunsch dementsprechend.

„Kartoffeln und Gemüse bitte, und wäre es möglich eine Maultasche zu bekommen?“

Schweigend blickte das Flintenweib Pam an.

„Eine Maultasche?“, versuchte Pam es noch einmal, was wieder zu Heiterkeitsausbrüchen bei den Wartenden führte.

Nach gefühlten zwei Minuten kam wieder Bewegung in das Flintenweib.

Mit kräftigem Schwung füllte sie Pams Teller mit Kartoffeln und Gemüse, reichte ihn ihr und donnerte:

„Eine Maultasche geht nicht. Sind abgezählt!“ Sagte es und wendete sich sofort dem Nächsten zu.

Pam hat die Logik dieser Frau und dieser Situation bis heute nicht verstanden, aber… man muss ja auch nicht alles im Leben verstehen.

Ab dem dritten Tag haben Pams Gruppe dann jeden Abend zusammen gekocht. Zwar mit einem leichten Bedauern, denn die kleinen „Auseinandersetzungen“ mit dem Flintenweib lechzten nach Fortsetzung.  Aber…, wer will schon jeden Tag Kartoffeln und Gemüse…

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